Montag, 9. November 2009

Dabei am 9. November

Foto von meiner Mutter: Mein Vater auf der westlichen Mauerseite, um 1980.


Ich war auch dabei.
Vor 20 Jahren.
Wir wohnten in West-Berlin, ein Block vom Übergang Chausseestr. entfernt.
Die Straße war überfüllt von Trabis, die von Ost nach West wollten, einfach mal gucken.
In der Nacht sind wir einfach von West nach Ost hinübergegangen.
Die VoPos standen dabei, mit dem Maschinengewehr in der Hand, aber vollkommen unbeteiligt.
Sie sagten nichts und taten nichts. Und hielten niemanden auf.
Wir stiegen in die alte Staßenbahn – ein Erlebnis für sich, im Westen gab es keine Straßenbahn – und wollten zum Alex. Aber dort war nichts los. Menschenleer.
Wir liefen weiter, zum Brandenburger Tor. Aber leider waren wir auf der falschen Seite, die Mauer wurde vom Westen her erklommen, von der Ostseite war das Brandenburger Tor weitläufig abgeriegelt. Deshalb waren auch hier nicht viele Leute zu sehen.
Wenn uns jemand begegnete, dann wurden wir unsicher angeguckt.
Weil niemand die Situation fassen konnte.
Was soll man davon halten?
Was passiert jetzt?
Wir liefen weiter, wieder Richtung Übergang Chausseestr., schließlich war es
1 Uhr nachts.
Eigentlich eine ziemlich lange Strecke. In dämmerigen orangenen Laternenlicht. Die Fassaden in undefinierbarer Allzweck-Ostfarbe graubeige. (Man möge mir verzeihen, aber das war schon immer mein Farbeindruck des Ostens, als hätten sie keine Farben gehabt.)
Irgendwann waren wir wieder zuhause.
Am nächsten Morgen, Freitag, ging ich zur Schule. Schon vor der Tür sah ich die Trabi-Schlangen, die wieder Richtung Osten ratterten. Es roch nach diesen ganz speziellen Trabi-Abgasen.
Und die Menschen grinsten.
Alle grinsten.
Man konnte nicht anders, als von einem Ohr zum anderen zu grinsen.
Es war ein Gefühl der Euphorie.
Fremde Menschen blickten sich in die Augen und grinsten.
Von innen heraus.
Und die Augen leuchteten.

1. Stunde Deutsch, Abiturklasse. An Unterricht war nicht mehr zu denken.
Aber Mitschüler riefen mir zu: Warum hast du nicht angerufen? Sie hatten es verpennt.
Mein Vorteil war, dass ich 10 Jahre an der Mauer gewohnt habe. Ich hatte sie dann ständig vor Augen, vor allem, weil wir aus dem fünften Stock einen sagenhaften freien Ausblick über Berlin hatten. Aber woanders hätte ich diesen Moment wahrscheinlich nicht so miterleben können.

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